Jede Farbe unter dem Himmel hat ihre Zeit:
Eine Zeit für Grün und eine Zeit für Rot,
eine Zeit zum Hoffen und eine Zeit zum Lieben.
Violett hat seine Zeit und Gold hat seine Zeit.
Der Tag hat seine Zeit und die Nacht hat ihre Zeit.
Es gibt eine Zeit zum Aufbauen und eine Zeit zum Niederreissen,
eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.
Eine Zeit für Weiss und eine Zeit für Schwarz –
eine Farbe zum Gewinnen und eine zum Verlieren,
eine Farbe zum Pflanzen und eine zum Ernten.
Jedes Ding hat seine Stunde und jede Farbe ihre Zeit:
die Zeit der Fülle und die Zeit der Leere,
die Zeit der Worte und die Zeit des Schweigens.
Die Farbe der Ankunft und die Farbe des Abschieds.
Jede Farbe unter dem Himmel hat ihre Zeit.
Vreni Merz nach Prediger/Qohelet 3,1-8
Insgesamt gibt es 4 (mit Schwarz, das eigentlich keine Farbe ist, 5) liturgische
Farben.
Jede Farbe hat ihren eigenen Charakter und unterstreicht dadurch den Inhalt
des kirchlichen Feiertages, zu dem sie gehört:
Grün – die liturgische Farbe der „ganz normalen“ Sonntage im Kirchenjahr
Grün wird an allen „gewöhnlichen“ Sonntagen
im Kirchenjahr getragen, sie werden als sogenannte
Trinitatissonntage in der Sommerzeit bezeichnet und einige grüne Sonntage finden
sich auch im Übergang von der Weihnachtszeit zur Fastenzeit (
Vorfastenzeit/Vorpassion).
Es ist eine kraftvolle Farbe. Sie verkörpert Hoffnung und Leben
in Fülle. Hildegard von Bingen spricht gar von der Grünkraft,
die alles am Leben erhält. Vieles, das lebt und wächst ist
grün. Es ist das Gegenteil von welk, dürr und abgestorben.
Grün ist die Farbe einer Oase in der Wüste und die Farbe
des neuen Lebens, das wir in den sanften, hellen Grüntönen
im Frühling wahrnehmen, Grün wirkt wohltuend. Grün
ist in der mittelalterlichen Minnedichtung auch die Farbe der aufflammenden
Liebe. Und Grün gilt im Islam sogar als heilige Farbe, denn im
Paradies, das im Koran beschrieben ist, herrscht diese Farbe vor.
„Gott ist grün“ – so wagt Almut Haneberg in
einem Text zu behaupten. Und fährt weiter: „Sicher ist
Gott in seiner Vielfalt nicht an eine Farbe gebunden und trotzdem
zeigt Grün eine wesentliche seiner Eigenschaften.“ Ja,
in der symbolischen Bedeutung der Farbe Grün wird die Verheissung
Gottes spürbar, dass er sich uns zuwendet und uns immer wieder
Leben und Hoffnung schenkt.
Hinter diesem Grün verbergen sich noch zwei weitere Farben: Grün
ist nämlich eine Mischfarbe aus Blau und Gelb – symbolisch
gedeutet eine Mischung aus Ruhe/Frieden und Kraft. Das kann auch als
Eigenschaft unseres Gottes interpretiert werden. Er lässt uns
Ruhe finden und schenkt uns Kraft für unseren Alltag, für
all die Erfahrungen, die auf uns in unserem Leben warten. Beides brauchen
wir, damit unser Leben gelingen kann, Zeiten der Ruhe und des Friedens,
aber auch Zeiten der Kraft und Anstrengung.
Violett / Schwarz – die liturgische Farbe der besinnlichen Feiern im Kirchenjahr1
Violett ist die Farbe der Besinnung und Einkehr, der Nüchternheit
und Demut. Sie kennzeichnet zweimal im Jahr längere Abschnitte,
nämlich die
Advents- und Fastenzeit. Violett mit dem Aspekt der
Bitte und einer Note von Trauer erscheint aber auch am
Bettag und
zum Teil am
Toten- oder Ewigkeitssonntag. Mit ihrem geheimnisvollen
Gemisch aus Rot, der Farbe der Liebe, und Blau, der Farbe der Ruhe
und Treue, lädt sie ein zum bewussten Verweilen. Als Komplementärfarbe
von Gelb, der Farbe des Lichts und des Verstandes, steht Violett mit
seinen verschiedenen Tönen für Glauben und Vertrauen. Das
mystische, geheimnisvolle und dunkle Violett steht der hellsten Farbe
gegenüber und wird so zum Schatten, der das Gelb des Sonnenlichtes
zur rechten Wirkung kommen lässt. Nicht zufällig dürften
Violett und Gelb im liturgischen Farbkanon nicht nur in der Weihnachtszeit,
sondern auch im Osterfestkreis aufeinander folgen: Die dunklere Zeit
der Einkehr und der Besinnung führt in die Freude am Licht, wenn
an Weihnachten und Ostern der Wechsel zu Gold/Gelb/Weiss seine Zeit
hat.
Gelb/Gold/Weiss – die liturgische Farbe, die vom Licht erzählt
Alle Feste im Kirchenjahr, die mit Jesus Christus zu tun haben, sind
mit der Farbe des Lichts gekennzeichnet. Jesus selbst bezeichnet sich
als Licht der Welt. Und die Farbe des Lichts auch des physikalischen
Lichtes, das unseren Tag hell macht, ist eben weiss, gelb oder manchmal
sogar Gold. Dies ist eine königliche Farbe – in den Ikonen
der Ostkirche wird diese Farbe nur dann verwendet, wenn die göttliche
Präsenz sichtbar gemacht werden soll. Es ist daher nicht verwunderlich,
dass wir die Farbe des Lichts zunächst im Weihnachtsfest finden.
Hier erhellen viele Kerzen das Dunkel der kürzesten Tage und
geben Zeugnis vom Licht, das in die Welt gekommen ist. Weiter findet
sich die Farbe des Lichts an Ostern und an den folgenden Sonntagen
im Osterfestkreis: das Leben ist gekommen, das Dunkel des Todes ist
besiegt. Gelb/Gold/Weiss will zeigen, dass wir nicht im Dunkel umherwandeln
müssen – denn in dieser reinen und hellen Farbe, die jede
noch so dunkle Farbe aufzuhellen weiss, erscheint uns die göttliche
Kraft und sein Licht, das auch unsere dunklen Täler zu erleuchten
weiss.
Rot – die liturgische Farbe der Liebe und des Feuers
Rot ist die seltenste liturgische Farbe. Sie begegnet uns an nur gerade
drei Festen im Jahr. Es sind dies die
Konfirmation,
Pfingsten und
das
Reformationsfest – in den lutherischen und katholischen
Kirchen ist sie viel häufiger, da dort auch die Märtyrerfeste
mit Rot begangen werden.
Die Farbe Rot steht für leidenschaftliche Gefühle, vor allem
für Liebe, aber auch für den Zorn, die Wut und den Schmerz.
Rot ist die Farbe des Blutes und auch des Feuers. Rot ist eine aggressive
Farbe, sie besitzt eine unglaubliche Kraft und Dynamik. Früher,
im Mittelalter, war das Tragen von Rot nur den mächtigen und
adligen Menschen vorbehalten. Rot war auch die erste Farbe, die von
den Menschen benannt wurde. Sie ist nicht aus verschiedenen Farben
zu mischen, aber sie wird benötigt, um Zwischentöne zu erhalten
wie Orange, Violette, Rosa und auch Braun. An den Festen der Konfirmation,
Pfingsten und am Reformationsfest wird liturgisch rot getragen, weil
dies auch die Farbe des Geistes ist. Sie soll von der Lebendigkeit,
der Kraft und der Dynamik zeugen, die der Heilige Geist entfalten
kann. Gerne wird deshalb für den Heiligen Geist neben dem Symbol
der Taube auch das Symbol des Feuers oder der Feuerzungen verwendet.